Schritte in die Achtsamkeit – Das Morgenritual

„Achtsamkeit – warum sollte ich mich mit diesem Thema auseinandersetzen?“

Nicht selten passiert es, dass wir bereits früh am Morgen von einem wuchtigen Gedankenstrom erfasst werden, der sich mit dem anstehenden Tag beschäftigt. Ein Strom, der unsere Stimmung, unser Energielevel, unsere Zentriertheit sowie den Verlauf unseres Tages stark beeinflussen kann. Meistens geschieht dies von uns unbemerkt, denn es handelt sich um automatisierte Gedankenabläufe.

Kennen Sie morgendliche Szenarien, in deren Verlauf Sie von negativen Gedanke an den bevorstehenden Tag erfasst werden? Sie ärgern sich jetzt schon über Dinge, die möglicherweise passieren könnten, sorgen sich über mögliche Katastrophen?

„Selbsterfüllende Prophezeiungen“

Negative Gedanken haben einen mächtigen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Sie sind Spekulationen, die einen großen Einfluss darauf haben, wie wir unserem eigenen Tag gegenüber treten. Sie werden unser Urteil beeinflussen, wenn wir bestimmten Menschen begegnen oder wenn uns andere Ereignisse widerfahren. Unser Innerstes ist auf „Horrorszenario“ getrimmt und daher weniger offen für alternative Möglichkeiten auf Geschehenes zu reagieren. Mit unseren Annahmen schmälern wir unseren eigenen Einfluss auf die Dinge, weil wir selbst nicht mehr daran glauben, dass der Tag Gutes bereithält. Dass wir auf eventuelle Wendungen des Tages kreativ und konstruktiv reagieren können, ist für heute auch nicht mehr im Repertoire. Ja, man kann sagen, wir geben unser Tagesschicksal durch unsere Prophezeiungen schon am Morgen aus der Hand. Wir tragen aktiv dazu bei, dass unsere Überlegungen und vorschnellen Urteile wahr werden. Dabei halten wir in keinem Moment inne, um zu überprüfen, mit welcher Einstellung und Energie wir diesem Tag beginnen.

Was können wir tun, damit wir in Verbindung bleiben mit unseren mentalen Ressourcen und unserer inneren Zentriertheit? Sodass wir unserem persönlichen Arbeitsalltag mit all seinen Eventualitäten frei von selbst erzeugten Vorurteilen begegnen?

„Anregung: Achtsamkeitsritual am Morgen“

Beginnen wir unseren Tag mit einem Achtsamkeitsritual. Achtsamkeit bedeutet die Konzentration auf das, was in diesem Moment ist, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Versuchen wir dabei, nicht zu bewerten, was wir beobachten. Wir tendieren dazu, die Dinge schnell in eine Schublade zu stecken: Das finde ich gut, das weniger gut, dies geht überhaupt nicht, jenes sollte man unbedingt usw. Versuchen wir lediglich zu beobachten, zu erspüren, über unsere Sinne Zugang zu dem zu bekommen, was jetzt gerade um uns herum oder in uns geschieht.

Nutzen wir das Potential der Schläfrigkeit direkt nach dem Aufstehen, unser Geist ist noch sehr nah an dem geborgenen Gefühl des Schlafs – egal, was wir zuallererst nach dem Aufstehen tun, führen wir es bewusst durch, nehmen wir jeden einzelnen Schritt wahr.

Beispiele:

  • Rolladenritual. Wenn wir den Rolladen hochziehen, machen wir das langsam und bewusst. Wir spüren, wie die Muskeln unserer Arme arbeiten, wie das Tageslicht allmählich durch die Rillen dringt, wie unsere Augen sich zunächst an das Licht gewöhnen müssen. Wir spüren die Fußsohlen (stecken diese in Socken oder erspüren Sie den Boden barfuß?), achten auf unseren Atem. Mit dieser Achtsamkeit gehen wir in den Tag.

  • Duschritual. Wir können auch das morgendliche Duschen für eine Achtsamkeitsübung nutzen. Wir spüren, wie sich das Wasser auf unserer Haut anfühlt. Wir nehmen den Duft unseres Shampoos bewusst wahr, wir entdecken, von welchen Farben wir umgeben sind und lassen all das auf uns wirken – ACHTUNG: keine gedanklichen Ausflüge in den bevorstehenden Tag! Oder daran, dass wir den Abfluss mal wieder schrubben sollten. Wir duschen jetzt mit ganzer Seele, mit ganzer Bewusstheit und Aufmerksamkeit. Egal, was an Gefühlen beobachten, wir versuchen diese nicht zu bewerten, sondern einfach weiterzumachen und zu beobachten.

  • Frühstücksritual. Essen und Trinken eignet sich ebenso für ein bewusstes Achtsamkeitsritual. Für uns hat dies viel mit dem Thema Genuss und Sich-etwas-gönnen zu tun. Beobachten wir, wie es sich anfühlt, unser Müsli zu kauen. Wie kalt ist die Milch? Wie fühlt es sich an, wenn wir den Bissen herunterschlucken, wie fühlt sich der Stuhl an, auf dem wir sitzen?

  • Arbeitsweg. Dies ist eine Übung für Fortgeschrittene. Wenn wir uns bereits auf dem Weg zur Arbeit befinden, scheint es oft unausweichlich, sich innerlich mit dem bevorstehenden Arbeitsalltag auseinanderzusetzen. Beobachten wir die Menschen um uns herum, wenn wir in der Bahn sitzen. Auch hier gilt: kein Bewerten dessen, was wir sehen. Oder achten wir auf die Bilder, die draußen am Fenster vorbei huschen. Welche Farben sehen wir? Wie viele Häuser? Falls wir im Auto unterwegs sind: Wie fühlt sich das Lenkrad an? Wieviel Kraft braucht es, um den Blinker zu setzen? Setzen wir ihn eigentlich mit einem Finger oder mit der ganzen Hand? Welche Geräusche nehme ich wahr? Was macht ihr Vordermann da? Wenn wir uns beim Bewerten erwischen, versuchen wir daraus eine wertfreie Beobachtung zu machen.

Ihnen fallen sicherlich noch weitere Dinge ein, die Sie täglich verrichten und mit einem Achtsamkeitsritual kombinieren könnten.

Diese kleinen Übungen lenken unseren Geist auf die Gegenwart. Nur im jetzigen Moment findet unser Leben statt. Wir können durch bewusste Achtsamkeit selbst bestimmen, wie unmittelbar wir dies erleben wollen, ob durch unzählige Gedanken, Bewertungen und Vorausschauungen gefiltert oder klar und ungetrübt.

„Abstand vom inneren Drama“

Der Effekt ist, dass wir lernen, immer wieder inne zu halten und auch in unerwarteten Situationen mehr auf das zu reagieren, was gerade tatsächlich passiert. So inszenieren wir nicht weiter unser inneres Drama, welches oft so viel mehr Gewicht hat als es die Realität besitzt.

Das Ziel ist, die Dinge, die uns passieren, für den Moment so zu akzeptieren, wie sie passieren, um dann ruhig und fokussiert mit ihnen umzugehen.

Und nun sind Sie dran: Wie möchten Sie Ihren achtsamen Arbeitstag beginnen?